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5A_349/2011: Ausnahme von der Bindung des Zivilrichters an rechtskräftige Entscheide des öffentlichen Baurechts (amtl. Publ.)

In einer nachbarrechtlichen Streitigkeit hält das BGer zunächst fest, dass der Zivilrichter an rechtskräftige Entscheide des öffentlichen Baurechts gebunden ist. Das BGer stützt sich dabei auf das erbrechtliche Urteil BGE 137 III 8 E. 3.3.1:
3.3.1 Nach schweizerischer Rechtsauffassung sind Gerichte und Behörden befugt, Vorfragen aus einem anderen Zuständigkeitsbereich zu beurteilen, solange darüber die hiefür zuständigen Behörden und Gerichte im konkreten Fall noch keinen rechtskräftigen Entscheid getroffen haben. Die Antwort auf die Vorfrage ist dabei lediglich Urteilserwägung und nimmt an der Rechtskraft des Urteils nicht teil [...].
Der Zivilrichter ist daher grundsätzlich (zur Ausnahme s. sogl.) an baurechtliche Entscheide gebunden:
Lorsque les immissions proviennent d'une construction autorisée par décision administrative, le juge civil saisi d'une action fondée sur les art. 679/684 CC ne doit pas examiner la validité de cette décision, ni substituer sa propre appréciation à celle de l'autorité administrative. Il ne peut statuer en effet à titre préjudiciel sur des questions de droit public que si l'autorité compétente ne s'est pas déjà prononcée à ce sujet (ATF 137 III 8 consid. 3.3.1 et les réf. citées). Le juge civil est lié par la décision administrative rendue par l'autorité compétente, à moins que cette décision ne soit absolument nulle [...].
 Die Nichtigkeit eines Entscheids ist dabei eine seltene Ausnahme. Dennoch bleibt dem Zivilrichter ein gewisser Spielraum. Die Schutzwirkung des kantonalen öffentliche Baurechts kann sich nämlich, aus Sicht des Bundeszivilrechts, als unzureichend erweisen:
En effet, les règles de droit formel ou matériel décrétées par le droit public cantonal peuvent se révéler insuffisantes pour protéger les voisins de manière adéquate. Dans de telles situations, la protection accordée par le droit civil fédéral conserve sa valeur comme garantie minimale.
Im konkreten Fall hatte der kantonale Zivilrichter als Vorinstanz deshalb zu Recht angeordnet, dass ein Fenster des aufgestockten Nachbargebäudes zuzumauern war, weil es andernfalls aufgrund der Abstandsvorschriften das an sich zulässige Aufstocken des Gebäudes des Klägers teilweise verhindert hätte.

Zuletzt schützt das BGer das Urteil der Vorinstanz auch in Bezug auf ZGB 674 III (richterliche Zusprechung einer Dienstbarkeit).